Die Yamaha
31. Dezember 2025. Silvester. Andere Leute kaufen Champagner und Raketen. Ich kaufe eine Yamaha YZ250F.
Motocross. Auf Zypern. Am letzten Tag des Jahres.
Ich hab das Motorrad nach Hause gebracht und ins Wohnzimmer gestellt. Mitten rein. Zwischen Sofa und Esstisch.
Meine Frau kam rein, hat es angeschaut und gesagt: „Joa… gar nicht schlecht die neue Deko."
Ich hatte eigentlich eine andere Reaktion erwartet. Panik vielleicht. Oder zumindest ein „Bist du verrückt?" Aber nein: „Gar nicht schlecht." Diese Frau.
2 Tage später hab ich für unseren Sohn (8) ein Dirt Bike gekauft. Jetzt standen 2 Motorräder im Wohnzimmer.
Meine Frau hat nur den Kopf geschüttelt und gelacht. Kein Drama. Kein Streit. Einfach: So ist das jetzt. Wir leben auf Zypern und haben Motorräder im Wohnzimmer. Willkommen im neuen Leben.
Wenn du mich vor 6 Monaten gefragt hättest ob ich jemals Motocross fahren würde, hätte ich gelacht. Ich bin der Typ der 14 Stunden am Laptop sitzt. Nicht der Typ der mit 80 km/h über Hügel springt.
Aber genau das hat sich geändert.
Der Kauf
Ich hatte keine Ahnung von Motorrädern. Also hab ich gemacht was ich immer mache: ChatGPT gefragt. „Ich möchte mir eine Motocross kaufen. Welche würdest du nehmen?" „Ich bin Anfänger." „Hat die Maschine einen Vergaser?" „Wie stelle ich die Kette richtig ein?"
25 Nachrichten nur über das richtige Bike. Welche Schutzausrüstung. Wie man sie lagert wenn man keine Abstellfläche hat (Spoiler: Wohnzimmer).
Am Ende hab ich die YZ250F von jemandem auf Zypern gekauft. Er hat noch ein paar Ersatzteile mitgegeben — Luftfilter, etwas Öl, Kleinigkeiten. Der Typ war froh dass die Maschine zu jemandem geht der sie fährt und nicht nur poliert.
Marios
2. Januar 2026. Zwei Tage nach dem Kauf. Ich treffe Marios. Ein Zypriot. Wir kommen ins Gespräch — über Motorräder, über Zypern, über das Leben hier.
Er sagt: „Komm mit. Ich zeig dir was."
Er nimmt mich mit in eine private Motocross-Community. Eine Gruppe von Locals die zusammen eine eigene Strecke gebaut haben. Privat. Kein Verein, kein Club, keine Regeln. Einfach Leute die fahren.
Am ersten Tag bin ich 3 Runden gefahren und dachte ich sterbe. Mein ganzer Körper hat geschrien. Meine Arme haben gezittert. Ich konnte das Motorrad kaum halten.
Am zweiten Tag bin ich 10 Runden gefahren. Am dritten 20.
Mein Doctor
Die Yamaha ist mein Arzt. Kein Therapeut, kein Coach, kein Buch. Ein Motorrad.
Jedes Mal wenn ich mich überarbeite. Wenn die Gedanken sich im Kreis drehen. Wenn ich am Laptop sitze und nichts mehr klar ist. Dann stehe ich auf, ziehe meine Ausrüstung an und fahre auf die Strecke.
Und dann passiert etwas Magisches: Alles wird still.
Nicht weil Motorradfahren leise ist — im Gegenteil. Sondern weil es so gefährlich ist, dass dein Kopf keine Wahl hat. Du MUSST fokussiert sein. Jede Sekunde. Jeder Meter.
Die nächsten 20-50 Meter
Beim Motocross gibt es eine Regel: Schau immer auf die nächsten 20-50 Meter vor dir. Nicht auf das Hinterrad des anderen. Nicht auf den Horizont. Nicht zurück. Nur auf die nächsten 20-50 Meter.
Diese 20-50 Meter entscheiden ob du heile nach Hause kommst. Oder nicht.
Ein Stein. Eine Kurve. Eine Bodenwelle. Wenn du zu weit voraus schaust, verpasst du den Stein. Wenn du zu nah schaust, siehst du die Kurve nicht kommen.
20-50 Meter. Nicht mehr. Nicht weniger.
Warum ich das hier erzähle
Weil es im Business genauso ist.
Die meisten schauen zu weit voraus. „In 5 Jahren will ich..." „Mein 10-Jahres-Plan..." „Wenn ich erstmal 6-stellig bin..."
Oder sie schauen zu nah. „Was poste ich heute?" „Welche Farbe hat mein Logo?" „Soll ich Instagram oder TikTok machen?"
Die Antwort liegt bei 20-50 Metern. Nah genug um den nächsten Stein zu sehen. Weit genug um die Kurve vorzubereiten.
Im Business heißt das: Was muss ich DIESE WOCHE tun damit NÄCHSTEN MONAT etwas passiert? Nicht heute. Nicht in 5 Jahren. Diese Woche → nächster Monat.
Nach der Strecke
Sobald ich nach Hause komme bin ich ein anderer Mensch. Voll fokussiert. Klar im Kopf. Bereit.
Weil mein Gehirn 3 Stunden lang nichts anderes gemacht hat als: überleben. Und danach ist alles andere plötzlich einfach. Emails beantworten? Easy. Code schreiben? Kein Problem. Schwierige Entscheidung treffen? Klar, nach dem was ich gerade auf der Strecke erlebt hab, ist das hier ein Witz.
Die Yamaha hat mir mehr über Fokus beigebracht als jedes Business-Buch das ich je gelesen habe.
Marios und die zypriotische Lebenseinstellung
Was als zufällige Begegnung angefangen hat, ist zu einer echten Freundschaft geworden. Marios und seine Frau sind mittlerweile Menschen die uns bei jedem Thema unterstützen. Behördengänge, Alltag, Kultur — alles.
Durch sie habe ich die zypriotische Lebenseinstellung wirklich kennengelernt. Nicht die Touristen-Version. Die echte. Die Art wie Zyprioten Freundschaften aufbauen — nicht über LinkedIn, sondern über gemeinsame Erlebnisse. Du fährst zusammen. Du isst zusammen. Du hilfst einander. Fertig.
Marios hat mich direkt in seine inneren Kreise aufgenommen. Die Motocross-Community. Seine Freunde. Seine Familie. Ich bin der einzige Deutsche der nur unter Zyprioten in dieser Community ist.
Das klingt vielleicht nach einer Kleinigkeit. Ist es nicht. Wenn du in ein neues Land ziehst, kannst du in der Expat-Blase leben — andere Deutsche, andere Auswanderer, internationale Schulen. Oder du kannst dich integrieren. Wirklich integrieren. In die Kultur eintauchen. Die Sprache lernen. Teil der Gemeinschaft werden.
Marios hat mir die Tür dazu geöffnet. Nicht weil ich ihn darum gebeten habe. Sondern weil er gesehen hat dass ich es ernst meine. Dass ich nicht hier bin um Steuern zu sparen und am Pool zu liegen. Sondern um zu leben.
Was ich gelernt habe
Du brauchst etwas das größer ist als dein Business. Etwas das dich zwingt aufzuhören zu denken und anzufangen zu sein. Für mich ist es Motocross. Für dich ist es vielleicht Surfen, Klettern, Kampfsport — irgendwas das gefährlich genug ist um deinen Kopf zum Schweigen zu bringen.
Wenn du nur arbeitest, wirst du nicht produktiver. Du wirst nur müder. Der echte Fokus kommt nicht vom Arbeiten — er kommt vom Aufhören.
💡 Was das für dich bedeutet:
Was bringt deinen Kopf zum Schweigen? Nicht Netflix. Nicht Scrollen. Etwas das deine volle Aufmerksamkeit fordert. Etwas bei dem du nicht nebenbei an dein Business denken KANNST. Wenn du das nicht hast — such es. Es wird das Wichtigste was du für dein Business tun kannst. Weil es das Wichtigste ist was du für dich tun kannst.