Bevor alles anfing
Von außen sah alles perfekt aus. Einfamilienhaus in Niedersachsen, selbst gebaut — jeder Stein, jede Fliese, jeder Pinselstrich. Zwei Kinder. Eine Frau die ich liebe. Ein Job der die Rechnungen zahlt.
Von innen: ein Vulkan.
Dieses Gefühl. Jeden Morgen. Dieses leise, hartnäckige Gefühl dass da mehr sein muss. Dass ich nicht dafür gemacht bin, 40 Jahre lang für jemand anderen zu arbeiten. Dass irgendwo in mir etwas wartet das raus will.
Ich habe es unterdrückt. Jahrelang. Weil ich Angst hatte. Weil ich schon einmal gescheitert war. Weil ich jetzt Verantwortung hatte — nicht nur für mich, sondern für vier Menschen.
Aber das Gefühl ging nicht weg. Es wurde lauter.
Der Junge der nicht sprechen konnte
Ich wurde in Kirgistan geboren. Sowjetunion. Mit vier Jahren ist meine Familie nach Deutschland ausgewandert. Neue Sprache. Neue Gesichter. Neues Land. Das Gefühl von „ich gehöre hier nicht ganz dazu" hat mich mein ganzes Leben begleitet.
In der Schule war ich der Junge der stotterte. Wenn ich vor der Klasse laut vorlesen musste, kam kein Laut raus. Die anderen haben geguckt. Ich habe geschwitzt. Und mir geschworen: Nie wieder.
Nicht nie wieder stottern. Nie wieder so hilflos sein.
Also hab ich Sachen gebaut. Kaputtgemacht. Wieder gebaut. Nicht weil mir jemand gesagt hat ich soll das tun — sondern weil es das Einzige war wo ich mich lebendig gefühlt habe.
Scheitern, Runde 1
Nach der Schule: Ausbildung zum Elektriker. Handwerklich gut — das liegt im Blut. Aber schon während der Ausbildung wusste ich: Das ist nicht mein Weg.
Dann kam mein bester Freund. „Ich hab was gefunden. Muss ich dir zeigen." Nach ein paar Minuten war ich Feuer und Flamme. „Bin dabei. Was muss ich tun?"
Keinen Plan. Kein Geld. Keine Strategie. Aber Energie. Irgendwie haben wir die ersten Kunden gewonnen. Nach einem Jahr: Selbstständig. Vollzeit. Mein eigener Chef.
Und dann bin ich gescheitert.
Nicht dramatisch. Nicht mit einem großen Knall. Sondern langsam. Jeden Tag ein bisschen mehr. Die Stimmen im Kopf wurden lauter als die Kunden. „Du schaffst das nicht. Du bist nicht gut genug. Wer bist du überhaupt?"
Ich konnte dem Druck nicht standhalten. Zurück ins Angestelltenverhältnis.
Der Vulkan
Der Druck war weg. Aber das Gefühl blieb.
Fünf Jahre lang. Jeden Morgen aufstehen, zur Arbeit fahren, funktionieren, nach Hause kommen. Repeat. Und dabei dieses Brennen in der Brust das nicht aufhört.
In der Zwischenzeit: geheiratet. Haus gebaut — 2014, mit eigenen Händen. Zwei Kinder bekommen. Das Leben das sich jeder wünscht.
Und ich saß abends auf der Couch und dachte: Wenn das alles ist, warum fühlt es sich dann nicht nach genug an?
2019 hab ich es nochmal versucht. Diesmal nebenberuflich. Kein Sprung — ein vorsichtiges Eintauchen. Ich habe angefangen Bücher zu lesen. Ich, der Typ der in der Schule das Lesen gehasst hat. Der vor der Klasse gestottert hat. Plötzlich hab ich verschlungen. Alles.
Und dann habe ich ein System gefunden. Nicht Motivation. Nicht Hustle. Ein System. Das Ding das mir beim ersten Mal gefehlt hat. Plötzlich ergaben Dinge Sinn. Wie man ein Angebot baut. Wie man eine Zielgruppe versteht. Wie man verkauft ohne sich zu verstellen.
Ich hab angefangen anderen zu helfen. Coaches. Berater. Experten. Menschen die wie ich etwas Eigenes aufbauen wollten. Community-Building, Positionierung, Angebote schärfen. Und ich war gut darin.
Richtig gut.
Bis ich gemerkt habe, dass ich selbst keine Ahnung hatte wovon ich rede.
Davon handelt das nächste Kapitel.