Schenk ihr erstmal Blumen
Meine Nichte ist klein. Süß. Und sie mag es nicht von Leuten hochgehoben zu werden die sie nicht gut kennt.
Neulich bin ich langsam auf sie zu. Arme weit geöffnet. Großes Lächeln. Und sie? Läuft einfach in einem großen Bogen um mich herum. Ignoriert mich komplett.
Meine Schwiegermutter, trocken wie immer:
„Alex… schenk ihr doch erstmal Blumen, bevor du sie ins Gebüsch zerrst."
Ich hab gelacht. Und dann hab ich aufgehört zu lachen.
Weil mir klar wurde: Genau das machen 90% aller Coaches in ihrem Marketing. Direkt verkaufen. Ohne vorher Vertrauen aufzubauen. Ohne die Sprache zu sprechen die der andere versteht. Arme auf, großes Lächeln — und wundern sich dass die Leute in einem Bogen um sie herumlaufen.
Der Fluch des Wissens
Im März 2025 hab ich eine Email geschrieben. Nicht geplant. Kein Funnel dahinter. Einfach ein Gedanke der raus musste.
Der Kern: Dein Gehirn spielt dir einen Streich. Es lässt dich glauben dass dein Angebot glasklar ist. Aber dein potenzieller Kunde hat keinen Schimmer was du eigentlich meinst.
Du denkst: „Das ist ein verdammt gutes Angebot. Es macht total Sinn."
Der Kunde denkt: „Äh… was genau bekomme ich hier?"
Das ist der Fluch des Wissens. Du weißt zu viel über dein eigenes Angebot. Dein Kunde weiß nichts. Und du merkst den Unterschied nicht — weil du nicht aus deinem eigenen Kopf rauskommst. Du bist gefangen in deiner Expertise. Und je mehr du weißt, desto weiter entfernst du dich von der Sprache die dein Kunde spricht.
Der 5-Sekunden-Test
In der Email hab ich einen Test beschrieben. Brutal einfach:
Hol dein Angebot raus. Lies es dir durch. Aber nicht aus deiner Perspektive — aus der eines Fremden. Jemand der noch nie von dir gehört hat. Der deine Branche nicht kennt. Der keine Ahnung hat was "ganzheitliche Transformation" bedeutet.
Und dann frag dich: Würdest DU es selbst kaufen?
Kein „Ja, aber wenn man den Kontext kennt." Kein „Ja, aber beim Erstgespräch erkläre ich es dann." Einfach dein erster Impuls. 5 Sekunden. Ja oder nein.
Die meisten sagen nein. Und dann wird es still im Raum.
Das Manifest das keins sein sollte
Ich hab diese Email an meinen kleinen Verteiler geschickt. Nicht groß drüber nachgedacht. Einfach raus.
Aber heute — ein Jahr später — weiß ich: Das war das Booster-Manifest. Alles was der Chatbot heute macht, steht in dieser Email:
Der blinde Fleck — du siehst nicht was du nicht siehst. Der 5-Sekunden-Test — schaffst du es in einem Satz? Der Fluch des Wissens — dein größtes Problem ist dass du zu nah dran bist. Und die Lösung: Ein Spiegel. Jemand — oder etwas — das dir zeigt was du selbst nicht sehen kannst.
Ich hab das Manifest geschrieben ohne zu wissen dass es eins ist.
Der Ton der sich verändert hat
In der gleichen Zeit ist noch etwas passiert. Etwas das ich nicht geplant habe.
Meine ersten Posts im Februar waren voll mit Emojis und Hype. BREAKING! FÜR IMMER VERÄNDERN! GAME-CHANGER! Der ganze Quatsch den man macht weil man denkt dass man so klingen muss.
Ein paar Wochen später: Kein einziges Emoji. Kurze Sätze. Direkt. Ehrlich. „Fang an." statt „Werde die beste Version deiner selbst."
Nicht geplant. Passiert. Weil ich angefangen hab zu schreiben wie ich rede. Und ich rede nicht in Emojis. Ich rede nicht in Übertreibungen. Ich sage was ich denke — und der Rest sortiert sich von selbst.
Die Schwiegermutter hatte recht. Erst Blumen. Dann Gebüsch. In der richtigen Reihenfolge funktioniert alles besser. Auch Marketing.
Was ich damals noch nicht wusste: Bevor die Blumen kommen würden, musste ich erstmal das Haus verkaufen. Und das hat alles verändert.